16. Januar 2015 20:45
Kategorie: Andacht
Von: Günther Buchetmann

weder ... noch


Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.  Gal 3,28.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

liebe Freunde der Gemeinde

Wir beklagen uns gelegentlich über die Überregulierung in unserem Land. Für jede Kleinigkeit scheint es eine Verordnung oder Richtlinie zu geben. Das ist allerdings keine Erscheinung, die erst die letzten Jahre um sich greift. In vergangenen Jahrhunderten konnte man an der Kleidung der Menschen ihren sozialen Stand und die Zugehörigkeit zur Volksgruppe ablesen. Wer sich nicht daran gehalten hat, konnte sogar bestraft werden. Das kennen wir in unseren modernen Gesellschaften nicht mehr. Aber nach wie vor lässt die Kleidung manche Rückschlüsse zu. Edelklamotten signalisieren Reichtum und Wohlstand. Billige Kleidung lässt auf Armut schließen. Und auch die Kleidungsstile haben eine Botschaft bezüglich sozialer Rolle und Milieu. Kleider machen Leute.

Im frühen Christentum hat sich der Brauch entwickelt, alle Menschen, die getauft wurden, nach der Taufe mit einem einheitlichen weißen Kittel zu bekleiden. Das sollte alle erinnern: Durch die Taufe werden wir in die Gemeinde hinein getauft und da sind alle Unterschiede aufgehoben, die außerhalb das Leben bestimmen. Die Gemeinde, das ist der Bereich von Christus, da haben die gängigen Unterschiede keine Gültigkeit. Sie sind „in Christus“ aufgehoben. Da darf weder die Herkunft, noch das Geschlecht, noch die Rasse oder der Beruf, weder die Intelligenz noch Geld die entscheidende Rolle spielen. „Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft worden seid, habt ein neues Gewand angezogen – Christus selbst.“ (Galaterbrief 3,27). Wenn man so will: Mit der Taufe haben alle ein neues Kleid bekommen. Ein Kleid, das sie nicht mehr unterscheidbar macht. Eine Uniform, die Jesus-Uniform.

Weder der soziale Stand noch Redegewandtheit dürfen Maßstab für Unterscheidungen nach oben und unten, drinnen und draußen sein. Denn alle gehören Christus, sind sein Eigentum, sind von ihm erlöst -ohne Unterschied.

Für uns klingt das sehr einsichtig. Aber für die Christen, an die Paulus den Brief schreibt, war das alles andere als normal. Total revolutionär. Das hat die gesellschaftlichen Spielregeln aus den Angeln gehoben. Und so waren die Galater richtig scharf auf klare Regeln, Gebote, Verbote. Wenn alles geregelt ist, gibt das Sicherheit. Aber zugleich wird damit das geistliche Leben und die Freiheit erstickt, die Christus jedem seiner Nachfolger erkauft hat. Und so kommt es, wie es kommen muss: Die Galater vergessen, dass sie beim Eintritt in die Gemeinde die Ungleichheit abgelegt haben. Paulus muss daran erinnern. Egal, wer es ist, der an Jesus glaubt, ob Sklave oder Großgrundbesitzer, ob Junkie oder Banker, ihr seid ohne Unterschied vor Christus gleich, EINER in Christus. Wie ein Mann, wie eine Frau.

Bis zum heutigen Tag haben Machtstrukturen und Gesetzlichkeit eine gewisse Anziehungskraft. Manchmal kommen sie auch in einem neuen Kleid daher. Wir sprechen von Zielgruppenorientierung und lassen großzügig den Tamilen und Persern ihre eigenen Gemeinden bauen. Liegt das wirklich nur an der Sprachbarriere und der Lebhaftigkeit, oder verläuft da eine neue Grenze zwischen innen und außen entlang den sozialen Schichten? Zumindest in den Kirchen und Freikirchen die ich so kenne, fällt auf, dass die Mitglieder weit überwiegend der bürgerlichen  Mittelschicht angehören. Warum ist das so? Das hat auf den ersten Blick nichts mit Gesetzlichkeit und Machtstrukturen zu tun. Und auf den zweiten Blick? Man ist eben gerne unter seinesgleichen. Sogar am Kaffeetisch bei Gemeindeveranstaltungen ist das zu beobachten. Hauskreis so und so, Jugend, Rußlanddeutsche. Was für eine Chance haben wir gerade in der Gemeinde uns zu mischen und andere Menschen, andere Kulturen, andere Einstellungen kennen zu lernen und es als ein großes Privileg zu schätzen, miteinander, gemeinsam im Glauben unterwegs zu sein. Verbunden durch Christus. Achten wir besonders darauf, dass unsere Gruppen, dass die Gemeinde als Ganzes bewusst den Kreis nicht schließt. Dass da eine echte Offenheit für Vielfalt, das Bunte, für andere Nationalitäten, Sprachen und Kulturen und die am Rand der Gesellschaft Stehenden bleibt. Jemand hat mal gesagt: Die Gemeinde der Zukunft ist international oder sie ist nicht mehr. Stemmen wir uns bewusst gegen Grenzen in unseren Köpfen und Herzen. Auch die Jahreslosung lädt dazu ein. Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat. Das bedeutet auch: Herr, Jesus Christus, hilf mir, den Rassismus in meinem Herzen zu überwinden. Gib mir dein Herz, Jesus. Jeder Mensch soll  mir so willkommen sein, wie er dir willkommen ist. Ich will keine Unterschiede mehr machen.

Gemeinde ist nicht nur Gemeinde für andere, sondern sie ist auch Gemeinde für alle. Mag sein, das ist gegen den Trend. Aber es ist bestimmt das Ziel von Jesus. Das Evangelium ruft uns auf, keine Grenzen aufrichten, weder alte noch neue, weder innen noch außen.

Jesus selber wird jede deiner Bemühungen segnen, wo du anderen die Hände reichst. Er selber ist der Gastgeber. Er stellt die Festkleider zur Verfügung, die für alle gleich sind. Er sortiert nicht nach sozialen, ethnischen, kulturellen oder Alters-Grenzen. Als seine Nachfolger folgen wir auch darin seinem Vorbild. „Denn durch eure Verbindung mit Jesus Christus seid ihr alle zusammen ein neuer Mensch geworden“.

Gott segne dich

 

Günther Buchetmann

Pastor