… warum hast du mich verlassen?
Liebe Schwestern und Brüder,
liebe Freunde der Gemeinde
In allen 4 Evangelien wird am Ende die Leidensgeschichte von Jesus Christus erzählt. Es scheint sogar so zu sein, dass alle Evangelienschreiber in der Passionsgeschichte -zusammen mit der Überlieferung der Auferstehung Jesu aus den Toten- den Zielpunkt der Evangelien sehen. Dass dadurch die Erzählung von Jesus erst zum Evangelium wird, zur rechten, guten, wohltuenden Botschaft. Auch Freudenbotschaft, Frohbotschaft, Gute Nachricht genannt. Dabei wird deutlich, dass das Evangelium keine neutrale Botschaft ist, sondern eine ganz besondere. Warum? Weil sie Unvorstellbares bewirken kann. In der Verkündigung von Jesus Christus wird die Rettung, das Heil der Menschen mitgeteilt. So kann der Apostel Paulus sagen, dass das Evangelium eine lebensverändernde Kraft ist (Römerbrief 1,17).
Für viele Menschen ist dabei unverständlich, warum das mit Jesus denn so sein musste. Warum das Kreuz? Warum konnte Gott das Problem der Menschheit, die Trennung von Ihm, nicht humaner, unblutiger lösen? Ist Gott nicht allmächtig? Und ist es nicht fast paradox zu behaupten, in einem grausamen Foltertod sollte sich die Liebe Gottes zeigen?
Ich denke, das sind wichtige und ehrliche Fragen. Aber es sind auch für uns Christen, die Nachfolger von Jesus Christus, nicht gerade leichte Fragen.
Jedenfalls sollten wir sie ernst nehmen. Was antworten wir darauf? Was ist deine Antwort? (Versuche eine Antwort zu formulieren bevor du weiter liest!)
Zuerst gilt es festzuhalten, dass der Tod am Kreuz zwar eine grausame Art war, Menschen zu Tode zu bringen -die Gekreuzigten erstickten langsam und erlitten einen hohen Blutverlust-. Aber es gab Märtyrer, die bis zum heutigen Tage auf noch qualvollere Weise geschunden und zu Tode gebracht werden (einnähen in Tierhäute, verbrennen, diverse Foltermethoden). Das heißt, dass der Tod von Jesus auf eine andere Art besonders grausam und qualvoll gewesen sein muss, wenn die Leiden am Kreuz von Golgatha Heilscharakter haben sollen.
Zwei Antworten: 1. Das Leiden und der Tod von Jesus Christus sind deswegen einzigartig, weil Jesus als der einzige Mensch sündlos war und darum nicht zur Sühne seiner eigenen Sünden sterben brauchte. So konnte er stellvertretend die Schuld der Menschheit auf sich nehmen.
2. Das Leiden von Jesus Christus wird deswegen in den Evangelien so besonders betont, weil es in der Tat ein einzigartiges Leiden war. Allerdings nicht in körperlicher Hinsicht. Sondern es war in seelisch-geistlicher Hinsicht das größtmögliche Leiden. Um das zu verstehen, müssen wir erkennen, dass Jesus, der Sohn Gottes, kein Geschöpf war, sondern Gott. „Teil“ des dreieinigen Gottes. Er war ja selbst an der Schöpfung beteiligt und er war von Ewigkeit her „in des Vaters Schoß“ (Joh 1,18) wie uns Johannes wissen lässt. Spätestens hier beginnen natürlich unsere gedanklichen Probleme, weil die Tiefe der Beziehung zwischen dem Sohn Gottes und dem Vater für uns unvorstellbar, weil analogielos, ist. Vielleicht kann man einen schwachen Vergleich wagen: Man stelle sich die tiefste, intimste, innigste Ehebeziehung vor, die in emotionaler, körperlicher und geistlicher Hinsicht optimal ist und dann potenziere diese Vorstellung mit der größtmöglich denkbaren Zahl. Dann könnte man vielleicht annähernd eine Vorstellung der Einheit und Beziehung des Vaters zum Sohn, zu Jesus Christus, bekommen. Am Kreuz war Jesus das erste Mal -von Ewigkeit her- von dieser Einheit und der unendlichen Liebe des Vaters getrennt. Und dieser Schmerz war das tiefste Leiden, das in dieser Welt jemals geschehen ist oder geschehen wird. Das Leiden der Trennung vom Vater war für Jesus unermesslich. Allein der Ausruf am Kreuz: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ kann in unserer Seele eine kleine Ahnung davon auslösen, was Jesus Christus unser Heil, unsere Erlösung gekostet hat. Nicht zu vergessen das Leiden, das auch Gott der Vater und Gott der HlgGeist durchlitten haben: Leiden der Dreieinigkeit. Absolutes Leiden.
Je tiefer wir verstehen, was am Kreuz geschehen ist, um so wertvoller wird uns der Glaube an diesen Gott, um so dankbarer wird unser Herz über Seine Gnade.
Nimm dir Zeit, um über die Liebe Gottes in Jesus Christus nachzudenken.
Gott schenke uns ein immer tieferes Verständnis Seiner Liebestat.
Günther Buchetmann
Pastor




